Halbgötterdämmerung – ein Ruhrpottkrimi

Die Mixtur brachte ihm den Tod. Tropfen für Tropfen floss sie in Gregori Sacharanovs Venen. Sein Herz raste immer schneller, bis es völlig aus dem Rhythmus kam und schließlich stehen blieb.
Draußen spülte der Regen den Dreck von Essens Straßen in kleinen Bächen durch den Rinnstein.

 

-2-

»Mensch, Heering, können Sie das Scheißding nicht wenigstens beim Essen mal wegstecken?«
Eigentlich schien der Neue gar kein übler Kerl zu sein; vielleicht immer eine Spur overdressed, in seinem grauen Anzug; aber diese ständige Daddelei mit seinem iPhone ging Kriminaloberkommissar Stefan Braun gehörig auf die Nerven.
»Was Sie so Essen nennen…« Claas Heering stocherte lustlos in seinem Gartensalat.
Braun, der gerade genüsslich in seinen Burger biss, hatte darauf bestanden, dass sie ihre »Schutzmannsmahlzeit« bei McDonalds einnahmen und Claas Heering hatte sich dem murrend gefügt.
Sein Handy klingelte. Beim Versuch es mit der rechten Hand aus der Jackentasche zu fischen und gleichzeitig mit der Linken den BigMäc unter Kontrolle zu halten, kam ein, mit Burgersauce getränktes Salatblatt auf Stefans linkem Oberschenkel zu liegen. »Scheiße!«, fluchte er laut, bevor er das Gespräch annahm. »Braun! Aha! Ja! Äh, Moment. Schreiben Sie mal auf Heering«, kommandierte er, »Klarastraße 71, erstes Obergeschoß, vermutlich Suizid. Haben Sie das Heering?« Der Neue nickte und hielt seinem Kollegen eine Serviette hin. Genervt rieb Braun über den Fettfleck auf seiner Jeans, der dadurch zu einer immer größer werdenden, dunklen Fläche anwuchs.
»Hätte eh längst in die Wäsche gemusst, die Buchse«.
Heering hielt sein iPhone, dass bereits eine Route zu ihrem Einsatzort berechnet hatte, wie eine Trophäe in die Luft: »Das ist in Rüttenscheid. Nur gut fünf Minuten von hier entfernt.« Stefan Braun schüttelte den Kopf und schob sein Tablett in den dafür vorgesehenen Wagen.
»Dafür habe ich auch ne App«, sagte er im Hinausgehen. Er tippte sich mit dem Zeigefinger an die Stirn: »Nennt sich Ortskenntnis.«

 

-3-

Vor dem Haus in der Klarastraße fuhr der Notarztwagen gerade davon, als Stefan den blauen Opel Astra vor dem Beerdigungsinstitut Pax im Nebenhaus parkte.

»Welch vortrefflicher Ort für einen Selbstmord«, bemerkte Claas Heering, während sie, die Jacken zum Schutz gegen den prasselnden Regen über den Kopf gezogen, hinüber zur Haustür hasteten.

Im Hausflur roch es muffig. Muffig mit Zitronennote; so, wie es fast immer in diesen Vorkriegshäusern roch: nach Feuchtigkeit in den Wänden, die aus dem Keller empor stieg, gemischt mit dem Duft des Putzmittels, dass die Hausfrauen zum Flurwischen benutzten.

Sie gingen die Treppe, deren ausgetretene Stufen unter jedem ihrer Schritte knarzten, hinauf in den ersten Stock; vorbei an einer kleinen Gruppe junger Menschen, die weinend auf den Stufen saßen, während zwei Streifenpolizisten ihre Personalien aufnahm. Eine junge Frau, die zusammengekauert vor der Tür saß, hinter der einst die Etagentoilette verborgen war, sah kurz auf, strich sich die langen, schwarzen Haare aus dem Gesicht und blickte die beiden Männer mit leeren Augen an; die Tränen hatten ihr Make-Up verlaufen lassen, das nun ein fein verästeltes Muster auf ihre Wangen gezeichnet hatte. Sie erinnerte Stefan an den frühen Alice Cooper.

Die Wohnung war vollständig leer; an den Wänden fehlten die Tapeten, die Türblätter waren ausgehängt und in einer Ecke standen Farbeimer; hier wurde offensichtlich gerade renoviert.

In dem Zimmer, das vermutlich als Wohnzimmer vorgesehen war, lag ein Mann rücklings auf einer Isomatte. Er trug hellblaue OP-Kleidung aus dem Krankenhaus. Die Füße, die in weißen Tennissocken steckten, lagen überkreuz. Seine Straßenkleidung hatte er ordentlich gefaltet auf der Fensterbank abgelegt. Daneben ein paar schwarze Budapester. In seinem linken Arm steckte eine Infusionsnadel, an die zwei Flaschen für medizinische Lösungen angeschlossen waren, die leer am oberen Ende einer Trittleiter hingen. Im Schein der nackten Glühbirne warfen sie ihren Schatten auf die unbehandelten Dielen des Fußbodens, auf dem Spritzen, Nadeln und geöffnete, leere Ampullen verstreut lagen. Nur die fahle Farbe seiner Gesichtshaut verriet den Beamten dass er nicht nur schlief.

 

Der ältere der beiden Schupos betrat den Raum und streckte Stefan die Hand zur Begrüßung entgegen: »Moin Derrick.«

 

Die meisten Kollegen waren untereinander per du; Stefan Braun duzte sich sogar mit dem Chef. Auch hatte fast jeder einen Spitznamen, während sie Claas Heering schlicht »den Neuen« nannten, was allemal besser war als »Fischkopp«, wie er in der Schule, in Anspielung auf seinen Nachnamen gerufen wurde; aber bislang konnte er sich keinen Reim darauf machen, wieso sein Vorgesetzter ausgerechnet den Namen eines Fernsehkommissars trug.

»Was hast Du hier für uns, Capri?«

Capri reichte Stefan den roten Schein, die Todesfeststellung mit unklarer Todesursache hin: »Der Notarzt meint das wäre ein klassischer Selbstmord für einen Arzt. Hat sich quasi selbst eingeschläfert. Das hier«, er hielt einen kleinen Notizzettel hoch, der in einer Klarsichttüte steckte, »ist wohl die Mischungsangabe für den Todescocktail.«

Stefan nahm den Zettel zur Hand und las laut vor: »Egal wer mich findet, 45 mg Dormicum, 500 mg Propofol, 100 ml KCl. Aha. Du sagtst er war Arzt?«

»Ja. Genau. Anästhesist im Krankenhaus.«

»Gibt’s sonst noch was? Einen Abschiedsbrief zum Beispiel?«

»Nö. Bloß seinen russischen Pass und das Foto dieser jungen Frau hier.« Capri hielt Stefan zwei weitere Klarsichtbeutel entgegen.

»Wer hat den Toten gefunden?«, brachte sich Heering in das Gespräch ein.

»Seine Arbeitskollegen, die draußen auf der Treppe sitzen. Der Herr…«, Capri nahm sein Notizbuch zur Hand, »Sacharanov ist heute nicht zum Dienst erschienen, hat sich nicht abgemeldet und war auch über Handy nicht erreichbar. Seine Kollegen haben daraufhin beschlossen ihn nach Schichtende zu suchen und sind hier fündig geworden. Er renoviert hier gerade und wollte in zwei Wochen in diese Wohnung einziehen. Keiner hat eine Idee, warum er sich umgebracht haben könnte.«

»Wie sieht es mit Angehörigen aus?«, wollte Stefan wissen.

»Laut seinen Kollegen Fehlanzeige; der Tote stammt aus Russland, aus einem kleinen Ort in der Nähe von St. Petersburg; ob er dort Angehörige hat weiß keiner. Hier lebte er jedenfalls allein; keine Familie, keine Freundin.«

»Keine Freundin?«, wunderte sich Stefan Braun, »und wer ist dann die Frau auf dem Bild?«

Heering zuckte kurz mit den Achseln und nahm die Klarsichttüte mit dem Foto an sich: »Na, dann gehen wir doch mal fragen.«

 

-4-

Er saß schon eine ganze Weile auf seinem Platz, am Fenster der Eule. Von dort konnte er die Szene auf der anderen Straßenseite gut beobachten.

Jetzt trugen sie den Zinksarg wieder aus dem Haus, verluden ihn in den Leichenwagen und fuhren zusammen mit dem Fahrzeug der Kripobeamten davon.

Er leerte seinen Wodka in einem Zug, zahlte und ging hinaus. Vor der Tür zündete er sich eine Lucky Strike an, sog den Rauch tief in seine Lunge ein, zog sich die Kapuze weit ins Gesicht und ging in den Regen.

 

-5-

Doktor Sacharanov wohnte in einem Ein-Zimmer-Appartement im so genannten Philosophenviertel, einer besonders bei Menschen mit osteuropäischem Migrationshintergrund beliebten Wohngegend.

»Früher«, klärte Stefan seinen jungen Kollegen auf, »durfte man hier nicht langsam durchfahren, wenn man Alufelgen hatte. Die haben sie dir sonst vom fahrenden Auto geklaut.« Stefan schmunzelte beim Gedanken daran.

»So wie der da?« Claas deutete auf einen 3er BMW, der am Straßenrand auf Ziegelsteinen aufgebockt stand.

Beide lachten.

»Ja, so wie der da.«

Die Wohnung war ordentlich und sauber – zu ordentlich, wie Braun und Heering fanden. Besonders merkwürdig fanden beide den Umstand, dass es in der Wohnung keinen Computer gab und auch keine weiteren Bilder der, den Arbeitskollegen des Toten völlig unbekannten, jungen Frau auf dem Foto.

»Irgendetwas ist faul an der Sache, Meister Heering. Da bringt sich einer um, scheinbar ohne erkennbaren Grund, hinterlässt statt eines Abschiedsbriefs so eine Art Beipackzettel und der ist nicht von Hand, sondern am Computer geschrieben, den es hier aber nicht gibt.«

»Vielleicht hat er einen Rechner der Klinik benutzt.«

»Genau darum werden sich die Kollegen vom Frühdienst mal zusammen mit den Spezialisten vom KK 25 kümmern müssen.«

Sie versiegelten die Wohnungstür und machten sich auf den Weg zu ihrer Dienststelle, wo sie der Papierkram erwartete.

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